Eigentlich wollte ich dieses Jahr im Michelin Le Mans Cup in einem LMP3 in Le Mans an den Start gehen.
Seit ich als kleiner Junge gemeinsam mit meinem Papa die 24 Stunden von Le Mans vor dem Fernseher verfolgt habe, träume ich davon, dort selbst einmal als Rennfahrer zu starten.
Doch in diesem Jahr fehlte mir erneut das Budget.
Ich musste akzeptieren, dass dieser Traum noch etwas warten muss.
Doch anstatt den Traum für dieses Jahr komplett abzuhaken, kam mir eine verrückte Idee.
Wenn ich dieses Jahr nicht im Rennauto in Le Mans fahren kann, dann fahre ich eben mit dem Rennrad dorthin.
Knapp 24 Stunden später war fast alles organisiert. Das erste Hotel war gebucht, die Route geplant und die wichtigste Verpflegung eingepackt. Viel mehr Vorbereitung gab es nicht.
738 Kilometer lagen vor mir. Mein Ziel war klar: Le Mans.
Der erste Tag begann etwas später als geplant. Deshalb standen zunächst 118 Kilometer und 1.210 Höhenmeter auf dem Programm.
Der Start verlief besser als erwartet. Ich kam gut voran, auch wenn mich einige Baustellen in Frankreich immer wieder dazu zwangen, das Fahrrad zu tragen. Trotzdem überwog die Vorfreude auf das, was noch vor mir lag und die Landschaft war über große Strecken ein Traum.
Am zweiten Tag wartete die erste richtige Herausforderung.
Über 200 Kilometer standen auf dem Plan um die verlorenen Kilometer des erstens Tages aufzuholen.
Zweimal wurde ich bis auf die Haut nass. Trotzdem gab es für mich nur eine Richtung: nach vorne.
Nach 218 Kilometern und 1.870 Höhenmetern kam ich erst gegen 22:30 Uhr erschöpft im Hotel an.
Nach einem leckeren und stärkenden Frühstück ging es am dritten Tag weiter. Aus einer sportlichen Herausforderung wie zunächst angenommen, wurde eine körperliche und mentale.
Die beiden Regenschauer vom Vortag hatten mehr angerichtet, als ich zunächst dachte. Die stundenlange Fahrt in nasser Kleidung hatte schmerzhafte Hautreizungen hinterlassen. Gleichzeitig machten sich Knieschmerzen bemerkbar, die ich mir bis heute nicht erklären kann. Jeder weitere Kilometer tat weh.
Dieser Tag hatte es enorm in sich.
32 Grad, starker Gegenwind, lange Landstraßen ohne Schatten, kaum Ortschaften und teilweise keine Möglichkeit, Wasser nachzufüllen oder etwas zu essen.
Erst in einer größeren Stadt nach ca.150km konnte ich mich versorgen, etwas essen und die bereits entstandenen offenen Stellen behandeln.
Nach insgesamt 213 Kilometern und 1.370 Höhenmetern kam ich gegen 22 Uhr völlig erschöpft im Hotel an.
Ich wusste aber auch:
Morgen wartet Le Mans.
Am vierten Tag standen noch einmal 188 Kilometer auf dem Plan.
Mein rechtes Knie konnte ich inzwischen kaum noch belasten, sodass mein linkes Bein den Großteil der Arbeit übernehmen musste. Die Schmerzen wurden stärker, doch diesmal spielte zumindest das Wetter mit. Bei kaum Gegenwind aber dennoch heißen Temperaturen machte ich mich auf den Weg.
Nach rund 100 Kilometern traf ich in einem kleinen Ort zwei Männer, die mir ganz selbstverständlich meine Trinkflaschen auffüllten. Eine kleine Geste, die mir in diesem Moment unglaublich viel bedeutete. Den auch an diesem Tag waren weit und breit kein Bars oder Restaurants zu finden wodurch ich meine letzten Riegel und Energie Gels aufbrauchten musste.
Die letzten rund 80 Kilometer wurden dann noch einmal zur größten Herausforderung der gesamten Tour.
Die meisten Höhenmeter warteten ausgerechnet auf den letzten Kilometern. Mein Körper war längst am Limit, doch Aufgeben war nie eine Option.
Je näher ich Le Mans kam, desto mehr spürte ich, dass ich meinem Traum näherkam.
Die ersten Straßen waren bereits für das Rennen geschmückt. Genau diese Bilder kannte ich früher nur aus dem Fernsehen, wenn ich gemeinsam mit meinem Papa die 24 Stunden von Le Mans verfolgt habe.
Dann war es endlich da.
Le Mans.
Ich hatte es geschafft.
Auch wenn ich erst gegen 20 Uhr ankam und das Rennen bereits vor vier stunden vorbei war, werde ich diesen Moment nie vergessen.
Ich fuhr mit meinem Rad über die Mulsanne Gerade und stand an dem Ort, von dem ich seit meiner Kindheit träume.
Nicht als Rennfahrer.
Nicht in einem LMP3.
Sondern mit meinem Rennrad.
Diese Reise hat mir gezeigt, dass wir häufig viel mehr können, als wir uns selbst zutrauen.
Große Ziele wirken am Anfang oft unerreichbar.
Doch wenn wir bereit sind, den ersten Schritt zu machen, Rückschläge anzunehmen und trotzdem weiterzugehen, ist oft viel mehr möglich, als wir zunächst glauben.
Nicht nur für mich.
Sondern für jeden.
Denn egal, wie schwer es wurde, gab es für mich auf dieser Reise immer nur eine Richtung:
Nach vorne.
Ich werde alles geben um nächstes Jahr im Auto über die Strecke zu fahren!
Beste Grüße
Lukas


